Die Story

Willkommen zur Bauhaus-Story – Willkommen im Bauhaus-Jubiläum

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Seit Mai erzählen wir die Geschichte der legendären Hochschule. Du wirst auf bekannte Namen und Produkte treffen und überrascht sein, wie viel von ihnen du noch nicht kennst. Denn das weit verbreitete Bild vom Bauhaus ist nur ein Teil einer facettenreichen Geschichte, die noch sehr viel mehr zu erzählen hat. Melde dich für wöchentliche Episoden auf WhatsApp oder Messenger an.

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Die Chronologie

1927

Der Albinmüllerturm und die Stadthalle Magdeburg wurden für die Deutsche Theaterausstellung 1927 errichtet.
(Bild: Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg/Andreas Lander)
Blick auf die Stadt Magdeburg, im Vordergrund der Albinmüllerturm und die Stadthalle

Das moderne Bauen nach dem Vorbild des Bauhaus hält in den 1920-er Jahren in vielen Städten Einzug. So erhält der Architekt Johannes Göderitz in Magdeburg den Auftrag eine Stadthalle zu errichten. Ein „würdevoller Monumentalbau“ soll es werden, anlässlich der Deutschen Theaterausstellung 1927. Göderitz stellt sich der Herausforderung und entwirft ein grandioses Architekturensemble aus Stein, Glas und Eisen, verkleidet mit braun-violetten Klinkern. Er will damit die Bauhaus-typische rationelle Bauweise mit den ästhetischen Bauformen der modernen Zeit verbinden. Die Aufgabe gelingt und das in Rekordzeit: Am 5. Januar 1927 wird der Grundstein für die neue Stadthalle gelegt. Nicht einmal fünf Monate später, am 29. Mai wird sie feierlich eingeweiht. Bis heute ist sie ein wichtiger Veranstaltungsort für die Stadt Magdeburg.

Göderitz ist nicht der erste, der den sogenannten „Neuen Bauwillen“ umsetzt. Bereits 1919 ruft Architekt Bruno Taut zum modernen Bauen auf: „Wir wollen keine farblosen Häuser mehr bauen und [...] wieder mehr Mut zur Farbenfreude am Innern und Äußern des Hauses geben“, schreibt er in der Zeitschrift „Bauwelt“. 1921 wird Taut zum Magdeburger Stadtbaurat berufen. Er holt Göderitz als Mitarbeiter in seinen Arbeitsstab. 

Gemeinsam mit Göderitz und dem Oberbürgermeister Hermann Beims entwickelt Taut 1923 einen Generalsiedlungsplan für Magdeburg. Die darin geplanten Wohnräume stehen vergleichbaren Siedlungen in großen Städten wie Berlin oder Frankfurt/Main in nichts nach und stärken Magdeburgs Stellenwert in Mitteldeutschland. 

Auch die Hermann-Beims-Siedlung in Magdeburg entstammt dem Generalsiedlungsplan. Sie wird zwischen 1924 und 1932 errichtet. Ihr Namensgeber Beims möchte vor allem, dass „[d]ie neue[n] Wohnung[en] die Ansprüche auf Gesundheit, auf Wohlbefinden, auf Sonne, gesunde Luft, auf gute Kinderspielplätze und Grünanlagen befriedigen.“ Der Begriff sozialer Wohnungsbau ist bis heute eng mit den Namen Beims, Göderitz und Taut verbunden. Letzterer verlässt bereits 1924 Magdeburg. 1927 wird Göderitz sein Nachfolger und Magdeburger Stadtbaurat. Die Beimssiedlung ist bis heute ein Dokument der Gesellschaft und Baukunst der 1920er Jahre.  

Einen Eindruck, wie die ersten Mieter ihre neuen Wohnungen in der Hermann-Beims-Siedlung erlebten, vermittelt die historische Musterwohnung. Sie ist von April bis September jeweils Donnerstags von 13 Uhr bis 17 Uhr zu besichtigen – oder nach Vereinbarung. 

Die Hermann-Beims-Siedlung in Magdeburg entstand zwischen 1925 und 1931.
(Bild: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt/Judith König)
Die klar gegliederte Fassade eines Hauses der Magdeburger Hermann-Beims-Siedlung

Dezember 1926

Das Meisterhaus Kandinsky/Klee, entworfen von Walter Gropius.
(Bild: Stiftung Bauhaus Dessau/Ivonne Tenschert)
Die weißen Wände des Meisterhauses Kandinsky/Klee hinter einigen Bäumen

Mit Eröffnung des neuen Schulgebäudes am 4. Dezember 1926 werden auch die Meisterhäuser der Öffentlichkeit vorgestellt. Es sind drei Doppelhäuser: das Haus Moholy-Nagy/Feininger, das Haus Muche/Schlemmer und das Haus Kandinsky/Klee. Gleichzeitig wird das Direktorenhaus präsentiert, bei dessen Entwurf und Inneneinrichtung Gropius tatkräftige Unterstützung seiner Frau Ise erhielt. 

Rein äußerlich unterscheiden sich vor allem die drei Doppelhäuser kaum voneinander. Die baugleichen Häuser mit Flachdach haben eine kubische Form und große, einfarbig weiß gestrichene Flächen. Auffällig sind die geräumigen Terrassen und Balkone sowie die großen Atelier-Fenster, durch die ein Eindruck von Offenheit entsteht. Dieser wird im Inneren der Häuser durch die große Anzahl der Türen noch verstärkt: Aus beinahe jedem Raum gelangt man durch eine Tür nach draußen. 

Das Meisterhaus Muche/Schlemmer (1925–26), Architekt: Walter Gropius.
(Bild: Stiftung Bauhaus Dessau / Bruno Fioretti Marquez Architekten 2010-2014 / Foto: Willmington-Lu, Yakob Israel, 2018)
Das Meisterhaus Muche/Schlemmer mit weißen Wänden hinter Bäumen

Die Inneneinrichtung ist ein Musterbeispiel für modernes Wohnen. Sie dient auch als Präsentation der Fähigkeiten der Bauhaus-Werkstätten. Vor allem Gropius sieht sein Haus als Ausstellungsobjekt und führt Besucher durch die Räume. Das Interesse ist groß, Gäste aus aller Welt möchten diesen „Baukasten im Großen“ besichtigen. Und es gibt viel zu sehen: begehbare Kleiderschränke, speziell gefertigte Einbauschränke, zusammenschiebbare Doppelsofas und modernste Hauswirtschaftstechnik. Die Direktorenvilla besitzt sogar einen Wassersprüher für Geschirr, dem automatisch Seife beigemischt wird.

Sind vor allem die Meisterhäuser zur Eröffnung einander zum Verwechseln ähnlich, ändert sich das nach dem Einzug der Meister. Bald spiegeln sich die Persönlichkeiten der Künstler auch in der farblichen Gestaltung der Räume wider. So zum Beispiel im Haus Kandinsky/Klee, dessen zwei Haushälften innen sehr unterschiedliche Wandmalereien aufweisen. 

Zum Ferienbeginn noch ein Veranstaltungstipp: Die interaktive Ausstellung „rot, gelb, blau. Das Bauhaus für Kinder“ in der Feininger-Galerie in Quedlinburg richtet sich an Kinder von 6-12 Jahren und bietet Möglichkeit zum Experimentieren und Ausprobieren. 

März/Dezember 1926

Die verglaste Südseite des Bauhausgebäudes in Dessau lässt viel Licht in das Gebäude und lässt es leicht und transparent erscheinen.
(Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius 1925/26, Südseite, Tadashi Okochi © Pen Magazine, 2010, Stiftung Bauhaus Dessau)
Das Bauhausgebäude mit seiner Glasvorhangfassade vor blauem Himmel

Im September 1925 beginnt der Bau am neuen Schulgebäude in Dessau. Das Tempo ist beeindruckend: Bereits am 21. März 1926 wird das Richtfest gefeiert, die offizielle Einweihung findet am 4. Dezember 1926 statt. Ein großes Fest mit mehr als 1000 Gästen wird zur Einweihung veranstaltet. Mit Erfolg. Die Besucher und die Presse sind gleichermaßen begeistert: „Dieses Haus muss man gesehen haben“, konstatiert der Kunstkritiker Fritz Stahl etwa im Berliner Tageblatt vom 7. Dezember 1926.

Das liegt vor allem an der Einzigartigkeit des Gebäudes, an dessen Entwurf erst Carl Fieger und später Ernst Neufert mitgearbeitet haben. Maßgeblicher Architekt ist Walter Gropius selbst. Völlig neuartig ist die Trennung in drei flügelförmig angeordnete, funktional gegliederte Trakte. Im ersten Trakt ist die Kunstgewerbeschule der Stadt Dessau untergebracht. Im zweiten Trakt, dem sogenannten Prellerhaus, befinden sich die Ateliers der Studenten und Jungmeister, die auch als Wohnungen dienen. Der dritte Gebäudekomplex beherbergt den Werkstättentrakt, der straßenseitig komplett verglast ist. Die Glaswand ist nicht unumstritten: Im Sommer erwärmt sich die Front zu stark, im Winter muss deswegen zusätzlich geheizt werden. Für Gropius ist sie ein Symbol der Gemeinschaft am Bauhaus, deren Geist sich hier bündeln und „kristallisieren” soll. 

Die kleinen Balkone am Atelierhaus waren ein beliebter Treffpunkt der Bauhäusler und Bauhäuslerinnen.
Bild: © Stiftung Bauhaus Dessau (I 18980 F)
Schwarz-weiß-Bild einer Gruppe Menschen, die von einem Balkon nach unten blickt

Besonders beeindruckt zeigen sich die Besucher vom Prellerhaus, dem Ateliergebäude der Studenten und Jungmeister. Die Ateliers bestehen aus Einzelzimmern mit ungefähr 24 Quadratmetern. Sie sind hochmodern und komfortabel eingerichtet. Einige der Zimmer verfügen über kleine Balkons und werden schnell zu einem beliebten Treffpunkt der Bauhäusler und Bauhäuslerinnen. Gern trifft man sich hier zum Gespräch oder gemeinsamen Essen. 

Das Schulgebäude ist nicht nur äußerlich ein Bild der Moderne. Auch in der Inneneinrichtung zeigt sich das Können der Meister und Studierenden. Die Einbauschränke in den Gebäuden stammen aus der Bauhaus-Tischlerei. Die Lampen aus der Metallwerkstatt sind hauptsächlich von Marianne Brandt entworfen. Möbelstoffe und Vorhänge in den Räumen entstanden in der Weberei unter Gunta Stölzl. Die Stahlrohrmöbel in den Ateliers wurden unter Marcel Breuer gefertigt. 

1925

Gropius’ Büro war die erste offizielle Adresse des Bauhaus in Dessau.
(Bild: Unsichtbare Orte, Station 4 Kunstgewerbe- und Handwerkerschule, „Die erste Adresse: Mauerstraße 36” > Mauerstraße 35 / Stadt Dessau-Roßlau, Foto: Sven Hertel)
Eine Informationssäule an der ersten offiziellen Adresse des Bauhaus in Dessau.

Für Gropius ergibt sich mit dem Umzug der Hochschule nach Dessau die einmalige Chance, ein Schulgebäude nach seinen Vorstellungen zu entwerfen. Im März 1925 erhält er von der Stadt Dessau die Beauftragung für das neue Bauhaus-Gebäude und die Meisterhäuser. Vorerst ist aber Gropius’ Büro in der Mauerstraße die erste offizielle Adresse des Bauhaus in Dessau. Nach dem Baubeginn für das Schulgebäude im September 1925 dauert es nur etwas über ein Jahr bis zur feierlichen Einweihung. 

In der Zwischenzeit leben und arbeiten die Bauhausmeister und -schüler in Dessau, damals eine blühende und moderne Industriestadt. Die Ateliers der Meister werden im heutigen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte untergebracht. Eine Übergangslösung für die Werkstätten des Bauhaus findet sich in der Fabrik des Versandhandels Seiler. Eine nicht optimale Lösung, wie die Bauhäuslerin Marianne Brandt beschreibt: „Zuerst, als wir noch in der Seilerschen Fabrik untergebracht waren und noch keine Kantine hatten, ‚durften‘ wir für zehn Pfennige in der Suppenanstalt essen. Fürchterlich! [...] Im neuen Haus wurde alles viel besser. Es gab eine Kantine und richtige Mahlzeiten.“ (Bauhaus und Bauhäusler, Erinnerungen und Bekenntnisse, hrsg. von Eckhard Neumann, Bern 1971)

Zeichnung des Stahlrohrstuhls B3 von Marcel Breuer, Entwurf 1925

Währenddessen sucht Gropius die Nähe zur Industrie in Dessau. Er will die Schule finanziell stärken und unabhängig von staatlichen Zuwendungen machen. Für ihn besteht die Herausforderung darin, künstlerisch wertvolle Massenprodukte zu fertigen. Eine Aufgabe, die er in den Bauhaus-Werkstätten noch nicht vollständig umgesetzt sieht. Einzelne Stücke, wie etwa die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, die er in Zusammenarbeit mit Junkers in Dessau entwirft, gehen aber schon in die richtige Richtung.

Am 21.01.1926 formuliert Gropius das Problem in einem Brief an die Bauhaus-Meister folgendermaßen: „das allgemeine ziel des bauhauses, [...] kommt in den einzelnen werkstätten noch ungenügend zum ausdruck. infolgedessen ist ihr gesicht noch immer ein kunstgewerbliches. die verbindung, die wir mit der industrie suchen wollen, muß systematisch … angebahnt werden…. auf lange sicht (bedarf es) eines sorgfältig ausgearbeiteten produktionsplanes.” (Aus: Klaus-Jürgen Winkler, Der Architekt Hannes Meyer. Berlin 1989). 

1924

Die rechtskonservative „Deutsche Allgemeine Zeitung“ vermeldet den bürgerlichen Wahlsieg in Thüringen.
Titelseite der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar 1924

Am 13. Juni 1924 erscheint ein Artikel in der „Weimarischen Zeitung”, der Eltern davor warnt, ihre Kinder am Staatlichen Bauhaus studieren zu lassen. Im Text ist die Rede von sich „nackt tummelnden Bauhausleuten beiderlei Geschlechts” und damit verbunden der Vorwurf eines Sittenverfalls an der Hochschule. In den folgenden Jahren nehmen die Anwürfe und Gerüchte der konservativen Presse zu. Vor allem Gropius steht im Mittelpunkt der Anschuldigungen. Ihm werden Nähe zum Bolschewismus, Geisteskrankheit und Perversion* vorgeworfen.

Auch das politische Klima wandelt sich. Die Wahlen zum Thüringer Landtag am 10. Februar 1924 gewinnt ein Zusammenschluss der konservativen, teils deutschnationalen Parteien, der „Thüringer Ordnungsbund”. Er bildet fortan eine Minderheitsregierung, toleriert durch die offen antidemokratische und rassistische „Vereinigte Völkische Liste“. Die neue Regierung stoppt die Reformen der früheren SPD-KPD-Regierung und tut alles, um das Bauhaus wirtschaftlich handlungsunfähig zu machen. Auch die Sozialdemokraten stellen – aus finanziellen Gründen – ihre Unterstützung ein. Gropius versucht mit Aufträgen aus der Industrie dagegenzusteuern, doch das Ende der Hochschule ist vorprogrammiert. Am 26. Dezember 1924 sehen sich Gropius und die Formmeister gezwungen, die Auflösung des Bauhauses in Weimar zum 1. April 1925 zu erklären und ihre Kündigungen einzureichen.

Für Gropius und den Meisterrat ist klar, dass der Standort Weimar keine Zukunft hat. Sie suchen einen neuen Wirkungsort. Das Bauhaus ist inzwischen so anerkannt, dass mehrere Städte Interesse bekunden, darunter auch Darmstadt, Köln, Frankfurt/Main, Magdeburg und Dessau. Als Dessaus Bürgermeister Fritz Hesse verspricht, ein neues Schulgebäude und Wohnhäuser für die Meister errichten zu lassen, ist die Entscheidung gefallen: Das Bauhaus siedelt zum 1. April 1925 nach Dessau um. Eine neue Ära für die Hochschule beginnt. Sie wird in Dessau die längste Zeit wirken und dort ihre Blüte erleben.

Zum Schluss noch ein Veranstaltungstipp: Im Kunstmuseum Moritzburg ist vom 23.06. bis 25.08. die Film-Installation „Things to Come“ zu sehen. In verschiedenen Szenen werden Ereignisse aus dem Leben des Bauhaus-Meisters László Moholy-Nagy und seiner Partnerinnen Lucia und Sibyl gezeigt.

Eine Übergangslösung: Bis zum Einzug in die Meisterhäuser 1926 befanden sich die Ateliers der Meister im heutigen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Dessau.
(Bild: Wikimedia Commons/M_H.DE, CC BY-SA3.0)
Neoklassizistisches Gebäude vor blauem Himmel

Porträt von Gunta Stölzl

Gunta Stölzl ist 22, als sie sich als Studentin am Staatlichen Bauhaus in Weimar einschreibt. Fast acht Semester hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits an der Kunstgewerbeschule in München studiert. Beeindruckt von Gropius und seinen Ideen entscheidet sie sich zum Wechsel nach Weimar. Sie konzentriert sich auf die Textilkunst und beginnt als Studentin in der Weberei. Dort herrscht aufgrund finanzieller Engpässe und unzureichender Anleitung Orientierungslosigkeit. Noch als Schülerin gibt Stölzl erste Lehrstunden. Sehr schnell erarbeitet sie sich die Sympathie der anderen Studierenden der Weberei. 

Auch das Bauhaus ist – wie vieles in der damaligen Zeit – eine Männerdomäne. Obwohl gut ein Drittel aller Bauhäusler Studentinnen sind, bleibt ihnen der Zugang zu vielen Werkstätten verwehrt. Gropius hat Bedenken, Frauen in schweren Handwerksberufen arbeiten zu lassen. Auch ist ihm bewusst, dass eine Berufsausübung für die Bauhäuslerinnen nach dem Abschluss traditionsbedingt eher ungewiss ist. Um die wenigen Werkstattplätze für die männlichen Studenten zu reservieren, entscheiden sich die Formmeister 1920 eine Frauenklasse zu gründen. Die beschäftigt sich hauptsächlich mit der Textilkunst und verschmilzt, nachdem ihr viele Studentinnen beigetreten sind, vollständig mit der Weberei. 

Gunta Stölzl, Schlitzgobelin Rot-Grün, 1927/28, Gobelin, Baumwolle, Wolle, Seide und Leinen (150, 0 x 110,0 cm)
(Bild: Wikimedia Commons/Jennifer Mei, CC BY 2.0)
Webarbeit mit vornehmlich roten Tönen

Für Gunta Stölzl ist die Frauenklasse eine Chance. Zum einen verspricht sie sich davon einen kreativen Schub für die Weberinnen, die ohne männliche Vorgaben freier arbeiten können. Zum anderen ergibt sich für sie erst dadurch die Möglichkeit einer leitenden Position am Bauhaus. Im Wintersemester 1925/26 bewirken Studentinnen mit Nachdruck, dass Stölzl offiziell die Leitung der Frauenklasse übernimmt. Im Juni 1927 wird ihr schließlich die Gesamtleitung der Weberei übertragen. Gunta Stölzl wird damit die einzige Frau in der Geschichte des Bauhauses, die die Rolle eines Formmeisters einnimmt. Es wird gleichzeitig die erfolgreichste und lukrativste Zeit der Weberei. 

Stuhl von Marcel Breuer, Bespannung: Gunta Stölzl (1922)
(Bild: Wikimedia Commons/Sailko, CC BY-SA 3.0)
Holzstuhl mit bunter Stoffbespannung

Gunta Stölzl war eine der bedeutendsten Frauen am Bauhaus. Sie blieb der Hochschule 12 Jahre lang verbunden, davon sechs als Studentin. Aufgrund politischer und persönlicher Anfeindungen verlässt sie jedoch 1931 das Bauhaus.

Zum Abschluss noch ein Veranstaltungstipp. Die Freiraumausstellung „Unsichtbare Orte” zeigt interessierten Besuchern in Dessau noch bis zum November 2019 Spuren des Bauhaus, die auf den ersten Blick vielleicht nicht sichtbar sind. 

August 1923

Strichzeichnung des Musterhaus „Am Horn“, errichtet in Weimar 1923

1923 findet in Weimar die erste große Bauhaus-Ausstellung statt. Gropius reagiert damit auf das Drängen der Landesregierung, denn diese fordert bereits seit langem einen Nachweis über die Tätigkeiten am Bauhaus. Die Hochschule beginnt im Februar mit den Vorbereitungen für ihre erste Ausstellung, die schließlich vom 15. August bis zum 30. September stattfindet.

Den Auftakt bildet die Bauhauswoche im August. Gropius eröffnet sie mit einem Vortrag über „Kunst und Technik - eine neue Einheit“ und führt damit offiziell die neue Ausrichtung der Hochschule ein. Fünf Tage lang zeigt sich das Bauhaus der Presse und dem interessierten Publikum in all seinen Facetten mit Vorträgen, Bühnenaufführungen und Konzerten. Die uraufgeführte Lichtprojektionskunst „Reflektorische Farbenlichtspiele“ von Bauhäusler Ludwig Hirschfeld-Mack bildet am 19. August den beeindruckenden Höhepunkt der Bauhauswoche und läutet gleichzeitig die folgende große Ausstellung am Bauhaus ein. Bis zum 30. September 1923 können Besucher Arbeiten aus den Bauhaus-Werkstätten und dem Unterricht besichtigen. Auch freie Kunstwerke der Meister werden ausgestellt. 

Das Musterhaus „Am Horn“ aus der Luft gesehen.
(Bild: Klassik Stiftung Weimar, Foto: Thomas Müller, für Georg Muche: © Bauhaus-Archiv Berlin)
Luftaufnahme des Musterhaus „Am Horn“, umgeben von Garten und viel Grün

Besondere Beachtung findet ein Versuchshaus, das eigens für die Ausstellung gebaut wird. Das Haus „Am Horn“ entsteht auf dem Hornberg in Weimar und basiert auf einem Entwurf von Georg Muche. Die Anordnung der Räume folgt dem Konzept des Wabenbaus, indem ein zentraler Wohnraum von angrenzenden kleineren Räumen flankiert wird. Dieser „Baukasten im Großen“, wie ihn Gropius nennt, soll den neuesten Stand der Bautechnologie veranschaulichen.

Er zeigt gleichzeitig die Kenntnisse und Fähigkeiten der Schüler und Lehrer. Die gesamte Innenausstattung, von der Bemalung der Wände über die Ausgestaltung der Möbel hin zu den gewebten Teppichen wurde in Gemeinschaftsarbeit von den Werkstätten des Bauhaus gefertigt. Das Haus „Am Horn” ist wegweisend für die Architektur des Bauhaus. Seit 1996 gehört es deshalb zusammen mit weiteren Stätten wie dem Bauhausgebäude und den Meisterhäusern in Dessau zum UNESCO-Weltkulturerbe. 

Bauhausköpfe – Bauhäusler vor der Kantine des Schulgebäudes in Dessau
(Bild: Stiftung Bauhaus Dessau, I 19044 F)
Schwarz-weiß-Bild von Menschen auf der Brüstung eines Gebäudes

Eines der bekanntesten Fotos aus der Geschichte des Bauhauses zeigt eine Reihe Bauhäusler vor der Kantine des Schulgebäudes in Dessau. Genau dieses Bild wurde Anfang Juni mit innovativen Köpfen aus Sachsen-Anhalt nachgestellt, darunter Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler. Zur Aktion entstand auch ein Making-of-Video. 

April 1923

Porträt von László Moholy-Nagy

1923 begann für das Staatliche Bauhaus in Weimar mit einer personellen Veränderung. Nach dem Ausscheiden von Johannes Itten holte Walter Gropius den jungen ungarischen Künstler László Moholy-Nagy als Meister an die Schule. Gropius übergab ihm die Leitung der Metallwerkstatt und die Materiallehre im Vorkurs. Anders als Kandinsky und Klee sah Moholy-Nagy zwischen industrieller Produktion und künstlerischer Ausbildung keinen Widerspruch. Ihn begeisterte Gropius’ Idee, Versuchs- und Modellwerkstätten für die Industrie einzurichten. 

Die hatte auch finanzielle Gründe, denn die wirtschaftliche Situation des Bauhauses war angespannt. Um sein Fortbestehen zu sichern, waren zusätzliche Einnahmen nötig. Unter dem Einfluss von László Moholy-Nagy begannen die StudentInnen in der Metallwerkstatt damit, serielle Lampenmodelle für die Fabriken der Beleuchtungsindustrie herzustellen. Ein Zeugnis dieser Zeit ist die elegante Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld mit kreisförmigem Fuß und dem Schirm in Form einer Halbkugel. 

Unter dem Einfluss von Moholy-Nagy begann man in der Hochschule damit, serielle Lampenmodelle zu fertigen, etwa dieses Modell nach Entwurf von Wilhelm Wagenfeld.
Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld

Moholy-Nagy war in mehrerlei Hinsicht ein Wegbereiter. Er war Künstler und interessierte sich gleichzeitig für alles Technische. Vor allem faszinierte ihn Licht. So experimentierte er mit sogenannte Fotogrammen, indem er Blumen, Federn und Papierschnipsel auf Fotopapier legte, das er dann entwickelte. Er experimentierte mit Metall, Glas und verschiedenen Kunststoffen als Bildträger, um neuartige Lichtwirkungen zu erreichen. Diese „kameralose Fotografie“ war ein eigenes Kunstmittel. Auf sein Betreiben hin wurde schließlich 1929 das Fach Fotografie in den Lehrplan der Hochschule für Gestaltung aufgenommen.

Auch im Bereich der akustischen Wahrnehmung begann Moholy-Nagy mit ungewöhnlichen Materialien zu experimentieren. Er bearbeitete Schallplatten mit Nadeln und Messern, um deren Klangspektrum zu erweitern. Beim Abspielen der angeritzten Platten auf dem Grammophon hörte man völlig neue, rhythmisierte Geräusche und Töne, die von einem Kratzen und Rauschen begleitet waren. So lässt sich auch das „Scratching“, heute vor allem aus der DJ-Szene des Rap und Hip Hop bekannt, in gewisser Weise auf diese ersten Experimente Moholy-Nagys zurückführen. 

Moholy-Nagy verbrachte nur 5 Jahre am Bauhaus, war aber dennoch einer der prägendsten Meister der Hochschule. Nach seiner Auswanderung in die USA wurde er 1937 in Chicago Leiter des dortigen „New Bauhaus“ und führte die Ideen und Gedanken der Hochschule für Gestaltung fort. 

Zum „New Bauhaus“ gibt es einige Informationen bei der Nachfolge-Einrichtung, dem Illinois Institute of Technology. Wer mehr über das Nachwirken des Bauhaus in den USA allgemein erfahren möchte, dem empfehlen wir diesen Artikel in der Welt.

1923

Im Jahr 1923 erklärte Walter Gropius einen Wandel der Hochschule für Gestaltung. Bei der Gründung stand das Bauhaus noch nicht im Zeichen der Industriekultur, für die es heute so bekannt ist. Vielmehr lief die Arbeit der Bauhäusler unter dem Motto „Kunst und Handwerk – eine neue Einheit.“ Dabei war Gropius keineswegs blind für die industriellen Entwicklungen der Zeit. Als Mitglied des Werkbundes wusste er um die schrumpfende Bedeutung des Handwerks in einer Industriegesellschaft. So war die Berufung auf das Handwerk im Gründungsjahr eine bewusste Entscheidung Gropius’. Sie war der Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg geschuldet. Industrielle Planung und Technik hatten der Kriegsführung völlig neue, grausamere Dimensionen gegeben. Das Handwerk stand in diesem Kontext für die Besinnung auf althergebrachte Traditionen. 

Das Theaterhaus in Jena gestaltete Gropius in den 1920er Jahren um. (Bild: Wikimedia Commons/Andreas Praefcke, CC BY 3.0, beschnitten)
Rote Fassade mit Aufschrift Theaterhaus Jena

1923 nahm Gropius eine bewusste Änderung der alten Formel vor und löste sie durch eine neue, zukunftsweisende ab: „Kunst und Technik – eine neue Einheit.“ Er gab dem Bauhaus damit einen neuen gedanklichen Anstrich, dessen Hochphase in Dessau erlebbar wurde. Es ist gleichzeitig die Programmatik, die wir heute fest mit der Hochschule für Gestaltung verbinden. Bei einigen Altmeistern, wie Johannes Itten, stieß dies allerdings auf Ablehnung. Ein anschauliches Beispiel für die Neuausrichtung des Bauhauses und seine Öffnung für Auftragsarbeiten ist das Theaterhaus in Jena, welches von Walter Gropius umgebaut wurde. Als Gropius auch beabsichtigte, die Bestuhlung des Theaters als privaten Auftrag an die Tischlerei ans Bauhaus zu holen, führte dies zum finalen Bruch mit Johannes Itten. Er verließ die Hochschule für Gestaltung im Oktober 1922.

Ein Gruppe Touristen an antiker Stätte (Bild: © Werkleitz 2019)
Überzeichnetes Bild einer Touristengruppe in antiken Ruinen

Zum Abschluss wieder ein Veranstaltungstipp: Mit dem Erbe des Bauhauses beschäftigen sich ab dem 25. Mai dreizehn internationale Künstler im Rahmen des Werkleitz-Festivals in Dessau. Unter dem Motto „Modell und Ruine“ können bis zum 10. Juni Kunstwerke betrachtet sowie Filmprogramme und Präsentationen besucht werden. Der Eintritt zu den Festveranstaltungen ist frei.

1922

Porträt Wassily Kandinskys mit Lebensdaten 1866–1944

Als Wassily Kandinsky 1922 von Gropius an das Bauhaus berufen wurde, war sein Name in der Kunstwelt bereits weit bekannt und geschätzt. Dabei hatte der gebürtige Moskauer ursprünglich Rechtswissenschaften studiert und alles deutete auf eine erfolgreiche juristische Karriere hin. Ein Besuch des Bolschoi-Theaters änderte seine Wahrnehmung des Lebens so vollständig, dass er sich danach komplett der Kunst widmete. Als Mitbegründer der Gruppe des „Blauen Reiters“ und Wegbereiter der abstrakten Kunst schuf er Bildkompositionen, die ebenso kreativ wie revolutionär waren. 

Seine Zeit als Meister am Bauhaus in Dessau war die wohl produktivste Phase seine Lebens. Er unterrichtete „Analytisches Zeichnen“ und „Abstrakte Formelemente“ und setzte 1927 gemeinsam mit Paul Klee die „Freie Malklasse“ durch. Wie sehr ihn Musik künstlerisch inspirierte zeigt Kandinskys erstes und einziges Theaterprojekt „Bilder einer Ausstellung“, das 1928 in Dessau uraufgeführt wurde. Als Vorlage dafür diente ihm der gleichnamige Klavierzyklus des russischen Komponisten Modest Mussorgski. Die Bühnenentwürfe für die Aufführung entwickelte Kandinsky in seinem Meisterhaus in Dessau. Zum 150. Geburtstag des Malers 2016 kehrten sie vorübergehend an den Ort ihrer Entstehung zurück. Insgesamt 11 Jahre lehrte und wirkte Kandinsky am Bauhaus. Er prägte die Hochschule für Gestaltung nachhaltig und blieb ihr bis zu ihrer Auflösung 1933 in Berlin innerlich verbunden.

Wer sich noch tiefer mit Wassily Kandinsky befassen möchte, dem empfehlen wir den Film „Ich sehe was, was du nicht siehst“, der sich auf die Spuren des Künstlers in München, Murnau, Dessau, Paris, Moskau und New York begibt. 
Der Film ist auf YouTube zu finden.

Szenenbild aus dem Film „Ich sehe was, was du nicht siehst“

Ende 1920 & Anfang 1921

Oskar Schlemmer und Paul Klee (von links)
Gezeichnete Porträts zweier Männer, Oskar Schlemmer und Paul Klee

Ende 1920 und Anfang 1921 werden Oskar Schlemmer und Paul Klee als Meister an das Staatliche Bauhaus in Weimar berufen, beides vielseitig talentierte Künstler, die die Hochschule nachhaltig beeinflussen. Schlemmer arbeitet als Bauhaus-Werkstattmeister und lehrt Akt- und Figurenzeichnen. Sein originellster Beitrag ist neben der Bühnenarbeit sein Unterricht „Der Mensch”. Klee gehört zum Kreis der Expressionisten, seine Interessen liegen persönlich auch im Gebiet der Schriftstellerei und Musik. Bis 1931 gibt Klee vor allem theoretischen Unterricht zur „Bildnerischen Gestaltungslehre”.

Oskar Schlemmer, Geteilte Halbfigur nach rechts, 1923. (© Stiftung Bauhaus Dessau (I 7420 G))
Eine nach rechts blickende Halbfigur, gemalt von Oskar Schlemmer

Das Bild „Geteilte Halbfigur nach rechts“ von Oskar Schlemmer wird im neuen Bauhaus Museum in Dessau seinen Platz finden. Dort kann man das Kunstwerk zusammen mit zahlreichen anderen Exponaten ab September 2019 besichtigen. Werke von Paul Klee finden sich in Sachsen-Anhalt natürlich auch, etwa im Kunstmuseum Moritzburg in Halle/Saale – mehr Informationen dazu auf „Hallo Moderne“

Zuletzt möchten wir noch auf einen Vortrag hinweisen. Michiko Yamawaki verbrachte von 1930 bis 1932 einige Jahre am Bauhaus in Dessau. Sie studierte bei Josef Albers und Wassily Kandinsky, lernte von Otti Berger und Anni Albers in der Webwerkstatt.  Der Vortrag „Michiko Yamawaki – Eine Japanerin am Bauhaus“ erzählt am 12. Mai in Halle ihre Geschichte. 

April 1919

Im April 1919 ruft Walter Gropius in seinem Manifest die Entstehung des Bauhaus in Weimar aus. Er begründet darin die Einheit von Handwerk und Kunst, die ohne eine gedankliche Mauer die „klassentrennende Anmaßung” zwischen den Gewerken überwindet. Der zu Grunde liegende Gedanke geht viel tiefer: Der Gestaltungskomplex soll weder Selbstzweck sein (also nicht dem individualistischen Künstler dienen), noch auf den Gegenstand als letzten Zweck zielen (also das Produkt in den Mittelpunkt heben). Er soll vielmehr den Menschen in das Zentrum der Betrachtung rücken. 

Lies das Manifest beim Deutschen Nationalkommittee für Denkmalschutz.

Gebäude des Bauhaus in Weimar, heute Hauptgebäude der Bauhaus-Universität (Bild: © Bauhaus-Universität Weimar, Foto: Nathalie Mohadjer)
Hell verputztes Gebäude mit großen Fensterflächen, erste Heimat des Bauhaus in Weimar

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